Münchener Ruder- und Segelverein "Bayern" von 1910 e.V.
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Vogalonga 2015
Bericht vom 22. Juni 2015

Vogalonga 2015

Was treibt neun Erwachsene und beruflich bestimmt nicht Unterforderte dazu, (nebst Begleitpersonen) mit nicht unerheblichem Aufwand an einem verregneten Wochenende nach Venedig zu fahren, nachdem ein Achter zerlegt und auf einen Hänger verladen worden ist, und an Ort und Stelle wieder zusammengebaut und an einen möglichst günstigen Platz zum Einlegen in Venedig gebracht? Ist es sportlicher Ehrgeiz? Geht es um viele Kilometer im Vereinsfahrtenbuch? Möchte man sich einfach einmal beweisen, daß man gemäßigt unvernünftig zu sein fähig ist und etwas zu tun, das nichts bringt als Mühe, Kosten und Blasen an den Händen (oder: blood, toil, tears and sweat, wie es korrekt zitiert zu anderer Zeit geheißen hatte)? Oder ist es reiner bourgeoiser Eskapismus?

Wohl: nein.

Vogalonga 2015

Es geht darum, nach dem Rudern durch die Kanäle vom Tronchetto zum Start am Markusplatz, das schon einmal einen Vorgeschmack auf das einige Stunden später zu erwartende Genußrudern zum Ziel darstellt, den Kanonenschuß zum Start zu erleben. Die wilde Hektik um die beste Ausgangsposition zum Einfädeln in die Durchfahrten zu den Inseln im Nordosten von Venedig, die erste Ahnung von Blasen an den Händen nach den ersten fünfzehn Kilometern, die 1000-Watt-Anlage an der Vaporetto-Haltestelle von Sant’Erasmo, die so unvergleichlich hinreißend kitschigen Italo-Schmalz in die Gegend brüllt. Und danach die unvergleichliche Stille nach der Durchfahrt durch Murano, wenn es für einige Kilometer durch die Lagune geht – eine Stille, die nur noch zunehmend durch leichtes Stöhnen des einen oder anderen Helden des Rudersportes nach zwanzig Kilometern Ruderns unterbrochen wird.

Vogalonga 2015Und aber dann das Finale: die Einfahrt in den Canareggio. Vorbei das Schweigen der Lagune. Dafür: Gebrüll der wegen der Vogalonga für Stunden immobilen Venezianer und Touristen, Beifall von gefühlten zehntausend Zuschauern und die kurzzeitige Illusion, wirklich die Stars zu sein. Der letzte Spurt bis zum Ziel, wo von der Tribüne des Schiedsgerichtes die Namen der Ruderer durchs Megaphon gebrüllt und recht unfeierlich die Medaillen in hohem Bogen ins Boot geworfen werden. Und zurück über Schleichwege zum Tronchetto, wo alles wie ein zurückgespulter Film abläuft: Boot raus aus dem Wasser, Boot zerlegen, Boot über den überfüllten Steg zum Sattelplatz, Boot durch die Menschenmenge auf den Hänger, und ein erstes Bier bzw. einen ersten Spritz in der ersten Bar, die zu finden ist.

Das wars. Wars das?

Nein. Genau so geht es darum, am Nachmittag nach der Vogalonga mit Freunden die eigene Leistung zu feiern an einem traumhaften Ort, der hier nicht genannt werden soll (wir wollen ja im nächsten Jahr noch einen Sitzplatz dort finden!). Und es geht darum, die alte Legende zu entlarven, die Vogalonga gehe über 35 Kilometer: 25 Kilometer sind es, ziemlich exakt gemessen über GPS. Und auch per GPS übrigens 84 Höhenmeter, auch wenn es Diskussionen darüber gibt, wie sich die paar Wellen auf diese Höhe addieren können. Und um manches andere geht es noch. Aber egal, es reicht auf jeden Fall nach gut zwei Stunden. Gut vorbei ist das alles am Sonntagmittag. Aber spätestens am Sonntagnachmittag kann es sich keiner vorstellen, daß es nicht im nächsten Jahr wieder versucht werden soll.

Vogalonga 2015

Wieder das gleiche? Aber ja – die Roseninsel rudern wir ja auch jede Woche zwei- oder dreimal, oder?

Datum: 22.06.2015 - Text und Fotos: mp/MRSV